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Johannes Stüttgen wird 60!

(am Montag, den 24. Januar 2005)

Unglaublich, bringe ich ihn doch, wenn ich an Johannes Stüttgen denke, in Verbindung mit einer Beweglichkeit und Lebendigkeit im Denken! Wie kein anderer versteht er es, Begriffe und Ideen vor deinem Bewusstsein zu neuem Leben zu erwecken. Wie macht er das bloß, entstammen doch viele dieser Ideen und Begriffe einer Denk- und Willensrichtung, die mit Friedrich Schiller, Novalis, Rudolf Steiner oder Joseph Beuys schon lange vor unserer Zeit begonnen hat. Es muß mit seinem Wesenszug zusammenhängen, Begeisterung und Gründlichkeit – fast möchte ich sagen – „unter einen Hut zu bekommen“, so daß er beide Gefahren (wie Odysseus Skylla und Charybdis) umschifft, die da lauten: entweder durch ein ungehemmt loderndes Herzensfeuer abzuheben oder durch einseitig-sklerotisierende Denktätigkeit zu erstarren Schiller: Form- und Stofftrieb!) Er aber beherrscht wahrlich eine Kunst, nämlich die „Begriffskunst“*)!

Es ist jetzt 27 Jahre her, daß ich Johannes Stüttgen kennenlernte. Gehört habe ich von ihm schon ein paar Jahre vorher, als in einer anthroposophischen Monatszeitung zu lesen war, in Gelsenkirchen gebe es einen verrückten Kunsterzieher, der in einer Kunst-AG mit seinen Schülern in einem Kellerraum(?) arbeitete, wo alle Bänke rot gestrichen und die Wände weiß gekalkt seien. Als Ziel hätten sie sich vorgenommen, daß jeder Gelsenkirchener Bürger einmal das Wort „Dreigliederung“ gehört haben müsste.

„Na“, dachte ich, „endlich mal was Neues in Sachen "Dreigliederung", ohne zu ahnen, daß uns gerade diese Methode, nämlich Kunst und „Politik“ zu verbinden, mehr und mehr zusammenführen sollte. (Bis heute weiß ich jedoch nicht, ob diese Geschichte wahr ist, oder ob dem Redakteur oder mir die Phantasie durchgegangen ist.)

Kurze Zeit später fielen Johannes Stüttgen und seine „Rasselbande“, den Schülern des Kunst-AG des Gelsenkirchener Grillo-Gymnasiums, in Achberg ein und zwar an Ostern 1978 anlässlich eines Vortrages von Joseph Beuys zu dem Thema „Jeder Mensch Künstler – Auf dem Weg zur Freiheitsgestalt des sozialen Organismus“. Die frische Jugendlichkeit zeigte sich jedoch nicht nur in deren Redebeiträgen, sondern auch im gesamten Habitus und Outfit, wie man heute sagen würde. Sie waren allesamt in schwarzen Lederklamotten und wohl z.T. auch mit Motorrad angereist (oder fügt das meine Phantasie auch diesmal hinzu?).

Auf jeden Fall brachten die Jungs mit ihrem Kunsterzieher den damaligen Waldorflehrer und jungen Familienvater gehörig ins Schwitzen, u.a. mit der Bemerkung, als wir die Schülerstühle aus der Schulbaracke in Neuravensburg zum Vortrag abholten, daß nämlich die „durch Wanne gezogenen“ Aquarell-Bilder der Schüler wohl kaum die Individualität ausdrückten (bzw. man diese nicht durch eine solche Methode fördern könne), da sie unisono alle gleich gemalt und damit ja wohl gleichgeschaltet seien ....
Diese Begegnung jedoch sollte der Auftakt einer Vielzahl von Vorträgen, Veranstaltungen und Gesprächen sein, die ich damals in den 80er Jahren dann im Rahmen der Freien Volkshochschule Argenthal, einer Zweigstelle der FIU, organisieren, als auch dann in den 90er Jahren im FIU-Verlag publizieren sollte. Einer dieser Vorträge jedoch blieb mir am lebhaftesten in Erinnerung und zwar „Die Frage nach dem Sinn der Technik“ gehalten am 9. November 1984 im Kornhaus in Wangen. Dieser Vortrag sticht wohl nicht nur aus meiner Sicht besonders hervor, u.a. durch die Tatsache, daß ihn Johannes quasi „allein“ hält, da nicht einmal der Name von Joseph Beuys fällt. Des weiteren untersucht er in einem sehr einfachen, unprätentiösen Bild, nämlich durch die Schilderung der Autofahrt von Düsseldorf nach Wangen ein Problem, das uns seitdem noch wesentlich stärker als damals bedrängt, nämlich „Die Frage nach dem Sinn der Technik“.
Dabei kommt er zu dem denkwürdigen Satz: „Ich bin heute mit dem Auto von Düsseldorf nach Wangen gefahren, um hier diesen Unsinn wieder gutzumachen. Das ist der Sinn der Technik.“ Dieser Satz ist genial und irgendwie typisch Stüttgen, da er schlicht, fast unscheinbar und doch frappierend ein Licht auf die Wirklichkeit wirft, ohne moralisch zu sein; denn Moral (zumindest den alten, überkommenden Moralbegriff, der sich häufig genug als Doppelmoral herausstellte) scheut nicht nur er, sondern viele aus seiner gesamten Generation der 68er, die ja angetreten sind, um gerade diese zu überwinden, was nicht heißen will, daß er/sie unmoralisch wurde/n.

Den 60. Geburtstag von Johannes Stüttgen habe ich zum Anlaß genommen, nun endlich – 20 Jahre danach! – diesen Vortrag zu publizieren, so daß ich womöglich am Montagabend in Düsseldorf sagen kann: Ich bin heute mit dem Auto von Wangen nach Düsseldorf gefahren, um hier diesen Unsinn (wenigstens ein wenig) wieder gutzumachen.“ Dafür danke ich der Technik und aber auch ihm, Johannes Stüttgen, von ganzem Herzen,

verbunden mit den Wünschen für weitere und noch viele Einsichten und Taten auf unserem gemeinsamen Ideenweg

(oder auch jeder auf seinem)!

rainerrappmann

Anmerkungen

 
*)„Alle wirklichen Philosophen waren Begriffskünstler. Für sie wurden die menschlichen Ideen zum Kunstmateriale und die wissenschaftliche Methode zur künstlerischen Technik. Das abstrakte Denken gewinnt dadurch konkretes, individuelles Leben. Die Ideen werden Lebensmächte. Wir haben dann nicht bloß ein Wissen von den Dingen. Sondern wir haben das Wissen zum realen, sich selbst beherrschenden Organismus gemacht; unser wirkliches, tätiges Bewusstsein hat sich über ein bloß passives Aufnehmen von Wahrheiten gestellt.“ Rudolf Steiner, zweiter Anhang zur „Philosophie der Freiheit“, Dornach div. Ausg.
 
Sigi Sander, Galerist aus Hamburg und damals Schüler von Johannes Stüttgen, schickte mir drei Ergänzungen, die meine Phantasie korrigieren:
Die Kunst AG / Fluxus Zone West traf sich nicht in einem Keller, sondern in den Baracken des Gelsenkirchener Grillo-Gymnasiums. Diese Holzbaracken aus den 50er Jahren waren ein Relikt und Provisorium der Nachkriegszeit, deren lang geplanter Abriß sich Dank unserer Wiederbelebung immer wieder verzögerte und die wir mit unseren spartanischen Mitteln in Schuß hielten.

- Von ROT gestrichenen Tischen habe ich nie etwas gesehen.

SCHWARZ waren allenfalls die Lederjacken, die einige von uns trugen. Ansonsten waren eher Blue Jeans angesagt, oder was man sonst so als normaler, nichtanthroposophischer junger Mensch zur damaligen Zeit trug. Wir waren ja eher ablehnend gegen die schwarz gekleideten Figuren des Kunstbetriebs eingestellt.

- Wir waren zwar alle bekennende Rock'n'Roller, aber ich wüßte wirklich nicht, wer von uns ein Motorrad gehabt haben sollte. Es war eher so, dass wir uns zu fünft in einen alten klapprigen VW-Käfer oder einen Opel Kadett gequetscht hatten, um zu den Veranstaltungen nach Achberg zu kommen. Wir wollen nicht vergessen, dass wir derzeit noch alle Schüler waren und uns das Geld für die Fahrt von unseren Eltern erbitten mußten.