Unglaublich, bringe ich ihn doch, wenn
ich an Johannes Stüttgen denke, in Verbindung mit einer Beweglichkeit
und Lebendigkeit im Denken! Wie kein anderer versteht er es, Begriffe
und Ideen vor deinem Bewusstsein zu neuem Leben zu erwecken. Wie macht
er das bloß, entstammen doch viele dieser Ideen und Begriffe einer
Denk- und Willensrichtung, die mit Friedrich Schiller, Novalis, Rudolf
Steiner oder Joseph Beuys schon lange vor unserer Zeit begonnen hat. Es
muß mit seinem Wesenszug zusammenhängen, Begeisterung und Gründlichkeit
– fast möchte ich sagen – „unter einen Hut zu bekommen“,
so daß er beide Gefahren (wie Odysseus Skylla und Charybdis) umschifft,
die da lauten: entweder durch ein ungehemmt loderndes Herzensfeuer abzuheben
oder durch einseitig-sklerotisierende Denktätigkeit zu erstarren
Schiller: Form- und Stofftrieb!) Er aber beherrscht wahrlich eine Kunst,
nämlich die „Begriffskunst“*)!
Es ist jetzt 27 Jahre her, daß ich
Johannes Stüttgen kennenlernte. Gehört habe ich von ihm schon
ein paar Jahre vorher, als in einer anthroposophischen Monatszeitung zu
lesen war, in Gelsenkirchen gebe es einen verrückten Kunsterzieher,
der in einer Kunst-AG mit seinen Schülern in einem Kellerraum(?)
arbeitete, wo alle Bänke rot gestrichen und die Wände weiß
gekalkt seien. Als Ziel hätten sie sich vorgenommen, daß jeder
Gelsenkirchener Bürger einmal das Wort „Dreigliederung“
gehört haben müsste.
„Na“, dachte ich, „endlich
mal was Neues in Sachen "Dreigliederung", ohne zu ahnen, daß
uns gerade diese Methode, nämlich Kunst und „Politik“
zu verbinden, mehr und mehr zusammenführen sollte. (Bis heute weiß
ich jedoch nicht, ob diese Geschichte wahr ist, oder ob dem Redakteur
oder mir die Phantasie durchgegangen ist.)
Kurze Zeit später fielen Johannes Stüttgen
und seine „Rasselbande“, den Schülern des Kunst-AG des
Gelsenkirchener Grillo-Gymnasiums, in Achberg ein und zwar an Ostern 1978
anlässlich eines Vortrages von Joseph Beuys zu dem Thema „Jeder
Mensch Künstler – Auf dem Weg zur Freiheitsgestalt des sozialen
Organismus“. Die frische Jugendlichkeit zeigte sich jedoch nicht
nur in deren Redebeiträgen, sondern auch im gesamten Habitus und
Outfit, wie man heute sagen würde. Sie waren allesamt in schwarzen
Lederklamotten und wohl z.T. auch mit Motorrad angereist (oder fügt
das meine Phantasie auch diesmal hinzu?).
Auf jeden Fall brachten die Jungs mit
ihrem Kunsterzieher den damaligen Waldorflehrer und jungen Familienvater
gehörig ins Schwitzen, u.a. mit der Bemerkung, als wir die Schülerstühle
aus der Schulbaracke in Neuravensburg zum Vortrag abholten, daß
nämlich die „durch Wanne gezogenen“ Aquarell-Bilder der
Schüler wohl kaum die Individualität ausdrückten (bzw.
man diese nicht durch eine solche Methode fördern könne), da
sie unisono alle gleich gemalt und damit ja wohl gleichgeschaltet seien
....
Diese Begegnung jedoch sollte
der Auftakt einer Vielzahl von Vorträgen, Veranstaltungen und
Gesprächen sein, die ich damals in den 80er Jahren dann im
Rahmen der Freien Volkshochschule Argenthal, einer Zweigstelle der
FIU, organisieren, als auch dann in den 90er Jahren im FIU-Verlag
publizieren sollte. Einer dieser Vorträge jedoch blieb mir
am lebhaftesten in Erinnerung und zwar „Die Frage nach dem
Sinn der Technik“ gehalten am 9. November 1984 im Kornhaus
in Wangen. Dieser Vortrag sticht wohl nicht nur aus meiner Sicht
besonders hervor, u.a. durch die Tatsache, daß ihn Johannes
quasi „allein“ hält, da nicht einmal der Name von
Joseph Beuys fällt. Des weiteren untersucht er in einem sehr
einfachen, unprätentiösen Bild, nämlich durch die
Schilderung der Autofahrt von Düsseldorf nach Wangen ein Problem,
das uns seitdem noch wesentlich stärker als damals bedrängt,
nämlich „Die Frage nach dem Sinn der Technik“.
Dabei kommt er zu dem denkwürdigen
Satz: „Ich bin heute mit dem Auto von Düsseldorf nach Wangen
gefahren, um hier diesen Unsinn wieder gutzumachen. Das ist der Sinn der
Technik.“ Dieser Satz ist genial und irgendwie typisch Stüttgen,
da er schlicht, fast unscheinbar und doch frappierend ein Licht auf die
Wirklichkeit wirft, ohne moralisch zu sein; denn Moral (zumindest den
alten, überkommenden Moralbegriff, der sich häufig genug als
Doppelmoral herausstellte) scheut nicht nur er, sondern viele aus seiner
gesamten Generation der 68er, die ja angetreten sind, um gerade diese
zu überwinden, was nicht heißen will, daß er/sie unmoralisch
wurde/n.
Den 60. Geburtstag von Johannes Stüttgen habe
ich zum Anlaß genommen, nun endlich – 20 Jahre danach!
– diesen Vortrag zu publizieren, so daß ich womöglich
am Montagabend in Düsseldorf sagen kann: Ich bin heute mit
dem Auto von Wangen nach Düsseldorf gefahren, um hier diesen
Unsinn (wenigstens ein wenig) wieder gutzumachen.“ Dafür
danke ich der Technik und aber auch ihm, Johannes Stüttgen,
von ganzem Herzen,
verbunden mit den Wünschen für weitere und noch viele
Einsichten und Taten auf unserem gemeinsamen Ideenweg
(oder auch jeder auf seinem)!
rainerrappmann
Anmerkungen
*)„Alle wirklichen Philosophen
waren Begriffskünstler. Für sie wurden die menschlichen Ideen
zum Kunstmateriale und die wissenschaftliche Methode zur künstlerischen
Technik. Das abstrakte Denken gewinnt dadurch konkretes, individuelles Leben.
Die Ideen werden Lebensmächte. Wir haben dann nicht bloß ein
Wissen von den Dingen. Sondern wir haben das Wissen zum realen, sich selbst
beherrschenden Organismus gemacht; unser wirkliches, tätiges Bewusstsein
hat sich über ein bloß passives Aufnehmen von Wahrheiten gestellt.“
Rudolf Steiner, zweiter Anhang zur „Philosophie der Freiheit“,
Dornach div. Ausg.
Sigi Sander, Galerist aus
Hamburg und damals Schüler von Johannes Stüttgen, schickte mir
drei Ergänzungen, die meine Phantasie korrigieren:
Die Kunst AG / Fluxus Zone
West traf sich nicht in einem Keller, sondern in den Baracken des
Gelsenkirchener Grillo-Gymnasiums. Diese Holzbaracken aus den 50er
Jahren waren ein Relikt und Provisorium der Nachkriegszeit, deren
lang geplanter Abriß sich Dank unserer Wiederbelebung immer
wieder verzögerte und die wir mit unseren spartanischen Mitteln
in Schuß hielten.
- Von ROT gestrichenen Tischen habe ich nie etwas gesehen.
SCHWARZ waren allenfalls die Lederjacken, die einige von uns trugen. Ansonsten
waren eher Blue Jeans angesagt, oder was man sonst so als normaler, nichtanthroposophischer
junger Mensch zur damaligen Zeit trug. Wir waren ja eher ablehnend gegen
die schwarz gekleideten Figuren des Kunstbetriebs eingestellt.
- Wir waren zwar alle bekennende Rock'n'Roller, aber ich wüßte
wirklich nicht, wer von uns ein Motorrad gehabt haben sollte. Es war eher
so, dass wir uns zu fünft in einen alten klapprigen VW-Käfer oder
einen Opel Kadett gequetscht hatten, um zu den Veranstaltungen nach Achberg
zu kommen. Wir wollen nicht vergessen, dass wir derzeit noch alle Schüler
waren und uns das Geld für die Fahrt von unseren Eltern erbitten mußten.